Flagellanten und Gewalt
Die ursprüngliche Vorstellung war, sich mit Gott und der Welt dadurch zu versöhnen, dass man sich selber schlagend (geißelnd, lateinisch Geißel=Flagellum, flagellierend) durch die Straßen zog. Deshalb bezeichnete man diese Menschen als Flagellanten. Größer werdende Gruppen erkannten, dass ihnen das half, ein emotionales Gefühl aufzubauen, dessen wesentlicher Inhalt war, mit Gott und ihrer Umwelt versöhnt (in Übereinstimmung) zu sein und sich sicher und geborgen zu fühlen. Ursprünglich von der Kirche akzeptiert, erregte diese Gruppe wegen des großen Zulaufes, den Ärger des Klerus. Schließlich konnte man eine solche Versöhnung und Befreiung von seelischen Schuldgefühlen nur durch Ablassbriefe erlangen. Kurzerhand wurde Flagellation verboten und unter Kirchenstrafe gestellt. Der Gedanke, dass es sich dabei um etwas handeln könnte, was Menschen bei der Bewältigung von Alltagsproblemen hilft, wurde verworfen. Flagellation hat geschichtlich also nichts mit sexuellen Gewaltvorstellungen zu tun. Trotzdem wird der Begriff leider auch für sadomasochistische Praktiken missbraucht, was bedauerlich ist. Wir jedenfalls bezeichnen nur solche Menschen als Flagellanten, die, so wie es ursprünglich auch war, für sich persönlich erkennen, dass Schläge auf das Gesäß (und nur auf dieses) ihnen helfen, sich sicher und geborgen, frei von Last und Schuld, versöhnt mit sich und der Umwelt zu fühlen. Eine Art Selbsttherapie also, zu der Menschen gebraucht werden, die dabei helfen, obwohl viele Flagellanten sich lieber selber zu züchtigen versuchen, als sich den Mitmenschen anzuvertrauen. Meistens haben sie damit sogar recht und tun gut daran. Es wäre allerdings sehr zu wünschen, dass sich dies ändert, schon deshalb, weil jedes Wegtherapieren wollen solcher Gefühle sinnlos ist, da diese untrennbar mit den jeweiligen genetischen Persönlichkeitsstrukturen verbunden sind.

Wir unterscheiden zwischen böser und guter Gewalt

Gute Gewalt kann fast unmerklich in böse Gewalt übergehen. Ein Beispiel, an dem die Extreme deutlich werden, ist die nationalsozialistische Demokratur, zu verstehen als Demokratie und Diktatur gleichermaßen. Verfolgung, Folter und Ermordung von Minderheiten, ja ganzen Volksgruppen war, für die davon Betroffenen, sicherlich böse Gewalt. Für die, die durch die nationalsozialistische Demokratur plötzlich Arbeit, Lohn und eine Lebensperspektive fanden, war das eine gute Gewalt. Es ist ein Phänomen, dass es für jemand, der so etwas als für sich gut findet, es einfach gut ist und die, diesem „Gut sein“ innewohnende Gewalt verdrängt, oder erst gar nicht wahrnimmt. Das macht die Existenz von Diktaturen erst möglich. Nun sind wir uns sicherlich darüber einig, dass die nationalsozialistische Gewaltherrschaft für böse Gewalt steht. Wie aber kann man dann gute und böse Gewalt unterscheiden, vor allem, wenn man selber von Gewalt profitiert? Darüber, ob eine Gewalt gut oder böse ist, ist letztlich doch das Empfinden desjenigen zuständig, gegen den sie sich richtet und das entspricht ja auch keiner objektiven Betrachtungsweise. Obwohl man sich zum Beispiel bei der Erziehung von jungen Menschen darüber klar sein muss, dass nur als von dem jungen Menschen als positiv empfundene Signale zu einer, für die Gemeinschaft positiven Verhaltensänderung, führen können.

Unsere, wie wir denken objektive Betrachtungsweise richtet sich nach folgenden Kriterien:
Gut kann Gewalt nur dann sein, wenn sie dem friedlichen Miteinander aller Menschen auf dieser Erde dient und dazu beiträgt, dass alle Menschen dieser Erde ein menschenwürdiges Dasein führen können.

Gut kann Gewalt nur dann sein, wenn:

  • Gewalt die gleichrangigen Freiheitsrechte der Menschen untereinander achtet und, wenn sie sich nicht, ohne für die Allgemeinheit zwingenden Grund, gegen einzelne Menschen und Minderheiten richtet.
  • Gewalt in der Erziehung die Zöglinge bei Entwicklung und Entfaltung der ihnen eigenen Fähigkeiten und ihrer Persönlichkeit unterstützt.
  • Gut ist die Heranbildung vielfältiger unterschiedlicher Persönlichkeiten und schlecht und böse ist das Bestreben, Zöglinge zu uniformen und bedingungslos angepassten Gliedern einer Gesellschaft zu machen.
  • Jeder einzelne, von Gewalt betroffene Mensch und dessen Persönlichkeit, sollte das Zentrum aller Überlegungen sein. Gefordert ist der Blick von unten, von dem, gegen den sich Gewalt richtet. Nur wenn der davon Betroffene Gewalt unter Wahrung seiner eigenen Persönlichkeit als gut erachtet, kann es gute Gewalt sein.
  • Gewalt ist immer dann böse, wenn:
  • Gewalt für wirtschaftliche Interessen oder Sonderinteressen von Personengruppen eingesetzt wird. Dabei muss unerheblich sein, von wem auch immer diese Gewalt ausgeht.
  • Deshalb unsere Antort auf die Frage
    ob Gewalt immer etwas schreckliches ist

    Gewalt ist etwas Schreckliches rufen viele entrüstet aus ohne sich darüber klar zu sein, was Gewalt eigentlich ist. Gewalt ist eben nicht nur körperliche Gewalt. So sprechen wir zum Beispiel auch von richterlicher Gewalt oder der Staatsgewalt. Jeder hat schon selber erlebt, welche Gewalt auch von bürokratischen Maßnahmen ausgeht. Auch der Zwang, sich gesellschaftlichen Gruppen anpassen zu müssen, ist Gewalt. Solche Gewalt richtet sich gegen die Persönlichkeit, das Wesen und damit Wesentliche, was einen Menschen ausmacht. Aber auch Bedrohungen, die sich gegen die Seele eines Meschen richten, sind Gewalt. Und noch eine Gewalt gibt es, Gewalt, die sich gegen die Lebensgrundlagen von Menschen richtet, ihnen ein menschenwürdiges Dasein nimmt oder erschwert, indem es ihnen die Lebensgrundlagen raubt. Dabei spielt auch Geld eine entscheidende Rolle. Somit gibt es auch eine wirtschaftliche Gewalt. Betrachtet man den Gewaltbegriff also universell, so kommt man leicht zu der Erkenntnis, dass ein gewaltfreies Zusammenleben von Menschen gar nicht möglich ist. Damit wird aber auch deutlich, dass es von den jeweiligen Umständen abhängt, ob Gewalt etwas Gutes oder Böses ist.

    Aber Gewalt ist doch das Gegenteil von Freiheit!? Ja, aber nur dann, wenn man Freiheit als etwas Allumfassendes sieht nach dem Motto, jeder kann machen, was er will. Betrachtet man Freiheit aber als ein allen Menschen gleichermaßen zustehendes Gut, so muss diese logischerweise immer da ihre Grenzen finden, wo sie die Freiheit des Mitmenschen so einschränkt, dass beide Freiheiten nicht gleichgewichtig nebeneinanderstehen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sind daher ein Junktim und es wird uns auch verständlich, dass der Bestand des hohen Gutes der Freiheit einer ordnenden Gewalt bedarf. Gewalt ist somit nicht das Gegenteil von Freiheit, sondern in bestimmtem Maße erforderlich um Freiheit für alle Menschen gleichermaßen zu erhalten.