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Wer kennt sie nicht, all jene bürgerlichen
Charakterstudien aus der Feder des großen Meisters, all
die frechen und die frommen, die dreisten und die feisten, die
lustigen und die listigen, die drolligen und die drallen, die
faulen und die vornehmen 'Bürgersleut', die Familienväter,
Lehrer, Pfarrer, Handwerker, Mütter, Gören und speckigen
Kleinkinder; all jene heiter- sarkastischen, nicht selten bitterbösen
und mitunter gar brutalen Parodien auf das alltägliche Leben
der damaligen - und in vielen Aspekten sicherlich auch der heutigen
- Zeit? Mir selbst wurden sie schon in der frühen Kindheit
vertraut; in der Familie - gemeinsam mit Eltern und Bruder -
saß ich in der Weihnachtszeit im geheizten Wohnzimmer und
studierte beeindruckt die Streiche nicht nur von Max & Moritz.
Mich erfaßte damals ein grausiges Gefühl, wenn ich
sah, wie die Dummheiten der Bösewichte selten ein gutes
Ende für diese nahmen. Insbesondere erschrak ich auch über
das schlimme Ende des berühmten Bruderpaares, die erst kopfüber
in den Trichter der Mühle gesteckt und dann ironischerweise
an die Enten verfüttert wurden, deren Artgenossen von den
beiden zuvor gejagt und schließlich aufgemampft worden
waren. Welchen Eindruck die Szenen meist väterlicher Züchtigung
damals in meiner Seele hinterließen - ich weiß es
nicht. Aber es ist nicht auszuschließen, daß die
mit wenigen Federstrichen so treffend geschilderten Szenen Wilhelm
Buschs eine der Wurzeln meiner später dann zum Vorschein
gekommenen flagellantischen Leidenschaft darstellt!
Am 15. April 1832 in Wiedensahl im Umland Hannovers
geboren, findet Wilhelm Busch nach Jahren unschlüssiger
Studien in Düsseldorf und Antwerpen schließlich seinen
Platz: Als Auftragswerk bei ihm angefordert, versorgt er - nicht
selten unter Zeitdruck - die politische Satire-Zeitung "Fliegende
Blätter" von Kaspar Braun mit seinen unverwechselbaren
untertexteten Zeichnungen. Was immer menschliche Lust und menschliches
Leiden offenbaren - er brachte es unter seine spitze Feder, und
so sind uns nicht weniger als stattliche 2000 Seiten Gesamtwerk
überliefert, nicht eingerechnet all die zahllosen Arbeiten,
mit denen Wilhelm Busch unzufrieden war und die er deshalb selbst
vernichtete. Alle nachfolgenden Zitate entstammen der von Ralf
Hochhuth im Bertelsmann Lesering herausgegebenen 2-bändigen
Gesamtausgabe; Bd.1: "Und die Moral von der Geschicht",
sowie Bd.2: "Was beliebt ist auch erlaubt". Ich verzichte
darauf, Seitenzahlen zu zitieren, denn es ist ein solcher Gewinn,
kreuz und quer in diesen Bänden nach Zeichnungen, Skizzen
und Geschichten zu stöbern, daß ich meine Leseempfehlung
keineswegs auf die hier thematisierten Szenen verkürzen
möchte!
Wilhelm Busch ein Flagellant?! Ist das nicht etwas
weit hergeholt? - Sicher, es gibt sie in seinem umfangreichen
Werk, jene Szenen von Zucht und Bestrafung; schon in einer der
frühen und bekanntesten Geschichten - der von Max &
Moritz - sehen wir den Schneider Böck, mit dem Rohrstock
in der Hand, aus dem Hause eilen, als er sich von Max und Moritz
provoziert fühlt:
"He, heraus!
Du Ziegen-Böck!
Schneider, Schneider, meck, meck, meck!"
Alles konnte Böck ertragen,
Ohne nur ein Wort zu sagen;
Aber wenn er dies erfuhr,
Ging`s ihm wider die Natur."
Freilich bricht hier der angesägte
Laufsteg über den Bach entzwei, der Schneider purzelt unversehens
ins kalte Wasser, und die beiden Frechdachse entgehen ihrer 'Strafe'.
Oder betrachten wir den kleinen Pepi mit seiner
nagelneuen Hose, die wegen verschiedener kindlicher Abenteuer
immer wieder mit Flicken versehen werden muß. Da wird`s
dem 'Herrn Vater' schließlich zu bunt! Beherzt packt er
seinen Sohn, klemmt dessen Kopf zwischen seine Beine und schwingt
eine dünne Rute,
"damit der Pepi nicht vergißt, daß, wenn
auch der Herr Pate auf den Macherlohn verzichtet, doch jede neue
Hose viel Geld kostet."
Und so streckt der Pepi, eingeklemmt zwischen den Beinen des
Vaters und mit zappelnden Beinen, die Hände hilflos nach
hinten haltend, dem Leser seinen Bubenpo entgegen, der indes
vom strengen Herrn Vater recht ordentlich verdroschen wird. Oder
folgen wir doch einmal den Brüdern Franz und Fritzchen ins
'Bad am Samstagabend'! Die korpulente Tante Lene bringt die beiden
Halbwüchsigen ins gemütliche Halbdunkel eines nur von
Kerzenlicht erleuchteten Bades, in dem es wohlig dampft aus einem
dicken Holzzinnuber; dahinter ein zylindrischer, bis zur Decke
reichender, metallener Ofen, der das Heißwasser liefert.
Unschuldig grinsend sieht man Franz & Fritzchen in der ersten
Szene in der Wanne stehen, doch...
"Die alte Lene
geht - und gleich
Da treibt man lauter dummes Zeug."
Da wird geplantscht und gespritzt,
geärgert, gehaun und untergetaucht, und so sieht der Leser
bald diesen, bald jenen Popo in wildem Geraufe aus der Wanne
ragen, bis es im Bad drunter und drüber geht...
"Die Wanne wird
zu enge
Für dieses Kampfgedränge.
Perdatsch!! - Die alte, brave Lene
Kommt leider grad` zu dieser Szene."
Und nun? - Richtig! Sie führt
die beiden Übeltäter ab und auf ein Bett zu, um sie
dort über die Bettkante legen und ihnen ihren splitternackten
Po versohlen zu können. Mit einer altmodischen Schürze
bekleidet, die ihre mächtigen Hüften umhüllt,
sieht man sie von hinten, wie sie die Delinquenten an Haar und
Ohr zupft, um sie ihrer Bestrafung zuzuführen. Franz &
Fritzchen aber - sehr wohl ahnend, was sie nun erwartet - halten
sich vorsichtshalber schon `mal eine Hand vor den Po.
"Und die Moral
von der Geschicht:
Bad zwei in einer Wanne nicht!"
Doch nicht nur ausgemachte Missetäter
werden durch Stock und strenge Hand zur Raison gebracht. So treffen
wir beispielsweise in der "Knopp-Trilogie" auf Meister
Druff, der (Nomen est omen!) seinem Filius gerne schon mal vorsorglich
den Hosenboden stramm zieht.
"Druff hat aber
diese Regel:
Prügel machen frisch und kregel
Und erweisen sich probat
Ganz besonders vor der Tat.
Auch zum heut`gen Schützenfeste
Scheint ihm dies für Franz das beste.
Drum hört Knopp von weitem schon
Den bekannten Klageton."
Selbstredend, daß auch
in diesem Fall die Tracht Prügel zum Gegenstand einer Illustration
Wilhelm Buschs wurde.
Schön und gut, mag sich der eine oder die andere
nun sagen; aber so waren die Zeiten eben damals, im 19. Jhd.,
als Wilhelm Busch lebte. Bestrafungen in Schule und Elternhaus
gehörten damals zum Alltag! Dies gilt auch für Wilhelm
Busch, dem es nicht einmal in den Sinn kam, deshalb mit seiner
Umwelt zu hadern, ganz im Gegenteil:
"Liebe und Strenge sowohl",
so erfahren wir in 'Von mir über mich', seiner autobiografischen
Replik auf seinen ungewollten Ruhm,
"die mir von den Eltern zuteil geworden, hat der Schlafittich
der Zeit, aus meiner dankbaren Erinnerung nicht zu verwischen
vermocht."
Und:
"Von meinem Onkel, der äußerst milde war,
erhielt ich nur [H.v.m.] ein einziges Mal Hiebe mit einem trockenen
Georginenstengel, weil ich den Dorftrottel geneckt hatte. Dem
war die Pfeife voll Kuhhaare gestopft und dienstbeflissen angezündet.
Er rauchte sie aus, bis aufs letzte Härchen, mit dem Ausdruck
der seligsten Zufriedenheit."
Auf eine flagellantische Neigung des großen Zeichners,
so mag der Leser denken, lassen die beschriebenen Szenen jedenfalls
erst einmal nicht schließen.
Ganz recht, aber sehen wir weiter! Was uns Flagellanten
und Poversohlliebhaber auszeichnet, sind Lust und Leidenschaft,
die wir aus der erzieherischen und/oder zöglingsmäßigen
Rolle einer Bestrafung zu ziehen vermögen, die 'erotische
Stimulans', um den Herausgeber des RS aus dem Editorial zu zitieren.
Können wir Anzeichen dieser erzieherischen Stimulans im
Werk Wilhelm Buschs entdecken, sie ablesen aus dem Mienenspiel
der strafenden Väter, Mütter, Onkel, Lehrer und Rektoren?
- Ich möchte den Leser und die Leserin einladen, sich noch
ein Weilchen Zeit zu nehmen, vielleicht einen heißen Becher
Tee zuzubereiten, sich die Reste weihnachtlichen Gebäcks
zu greifen und die begonnene flagellantische Rundreise durch
das 2000 Seiten messende Gesamtwerk Wilhelm Buschs mit mir fortzusetzen,
um sich diesbezüglich ein besseres Bild von dessen Bildgeschichten
machen und meine These besser beurteilen zu können.
Sieht man schon nur in die kecken Gesichter von
Fritz & Franz, den zwei 'Helden' der Bildgeschichte 'Die
Drachen', so ahnt man schon, daß sie sich im Fortgang der
Handlung eine Tracht Prügel redlich einhandeln werden. Wie
anders der Gesichtsausdruck von Conrad, dem dritten Knaben im
Bunde der Drachenbastler, der als ebenso unanfechtbarer wie menschlich
langweiliger kleiner Engel von Busch karikiert wird. In Reih`
und Glied sieht man sie alle losmarschieren, die Prachtstücke
ihrer selbstgebastelten Drachen über den Rücken gespannt.
"Freund!"
sprach plötzlich Franz zu Fritzen -
"Siehst du Zöpfels Äpfel sitzen?"
Und als Fritze dies bejaht,
Schreitet man sofort zur Tat.
Doch was Conrad anbetraf,
Der geht weiter klug und brav."
Als Franz die Beute der drei
prächtigen Äpfel mit Fritz nicht teilen mag, bahnt
sich eine kindlich-jugendliche Rauferei zwischen den beiden an,
mit einer Zuspitzung, wie sie nur Wilhelm Busch so herrlich zu
zeichnen und zu überzeichnen vermag. Ich spare die Schilderung
dieser Dramaturgie hier aus und überlasse es der Fantasie
oder der Vorfreude des Lesers, sich diese Szenen entweder selbst
auszumalen oder einen Anreiz darin zu entdecken, zur nächstgelegenen
Bibliothek zu schreiten und diese nicht eher wieder zu verlassen,
bis der dicke Band gefunden und unter den Arm geklemmt ist!
"Grad kommt Zöpfel
wie gewöhnlich,
Um sich wieder mal persönlich
Und gewiß zu überzeugen,
Daß sein Obst noch an den Zweigen.
Wer - ruft er - hat dies getan?
Damit stockt sein Sprachorgan."
Doch welcher Wandel im Gesichtsausdruck
des Reiters Zöpfel, als er - die Reitgerte schon hoch erhoben
- die beiden raufenden Äpfeldiebe erblickt; welche Gier
in den Augen, welch breites Lachen:
"Ha! Jetzt wird
er grausam heiter.
Er entdeckt die beiden Streiter.
Fritze kriegt den ersten Schlag,
Weil er am bequemsten lag."
Sprachs und zog mit zufriedenem
Grinsen dem Fritz, der von Franz in die Mangel genommen wird,
mit der Gerte übers Hinterteil.
"Und der Franz
war schon vergnügt,
Daß er siegt und oben liegt;
Bis die Peitsche wieder pfiff
Und auch ihn empfindlich kniff."
Abermals genießt Zöpfel
sichtlich seinen Hieb auf den Knabenpo. Uns als ob die Mimik
seiner Genüsse nicht schon beredtes Zeugnis seiner flagellantischen
Neigung wäre, heißt es dann ausdrücklich weiter:
"Gern entrinnen
nun die beiden,
Um das Weitre zu vermeiden,
Wären nicht die nötgen Beine
Tief verwickelt in die Leine. -
Also folgt der Rest der Hiebe -
Zöpfel tut`s mit Lust und Liebe."
Sieh da, mit Lust und Liebe also
verabreicht Zöpfel seine Hiebe! Nun kommen wir dem Kern
solcher Szenen schon näher, wenngleich es sich zunächst
verbietet, die Lust des Dargestellten mit der Lust des Darstellenden
zu identifizieren. Aber die skizzierte Neigung zu Zucht und Strafe
bleibt ja keineswegs ein Einzelfall im Werk von Wilhelm Busch,
der sich in der Unzahl seiner Geschichten, Possen, Parodien verlöre,
ganz im Gegenteil: Wir entdecken die ständige Wiederkehr
des flagellantischen Motivs.
Noch deutlicher werden Lust und Leidenschaft zu
Po-Senge und Rohrstock-Strenge im 7. Kapitel der Abenteuer von
'Plisch und Plum'. Damit sind zwei junge Hunde beim Namen genannt,
welche auf den Blättern dieser länglichen Erzählung
ebenso ihr buntes Unwesen treiben wie die Brüder Paul und
Peter. Retteten diese zunächst jenen ihr junges Hundeleben,
ernten sie doch nur deren ungestümen Spieltrieb, der in
allerlei Dummheiten und Unpäßlichkeiten mündet.
Den Unterschied, den ich nun machen möchte zwischen Erziehungsmaßnahme
eines verärgerten, ja zornigen Vaters einerseits und der
fragwürdigen Wollust z.B. eines Rohrstock-schwingenden Lehrers
andererseits, könnte man gar nicht passender demonstrieren
als anhand dieser Geschichte. In Kap. 6 sehen wir, wie der Vater
von Paul und Peter zur "Ultima Ratio" greift, zum letzten
Mittel, um der Rauferei seiner beiden Söhne Herr zu werden,
die immer tumultartigere Züge annimmt:
"Papa Fittig
kommt gesprungen
Mit dem Stocke hochgeschwungen.
Mama Fittig, voller Güte,
Daß sie dies Malheur verhüte,
"Bester Fittig", ruft sie, "faß dich!"
Niemand aber, der in das besorgte
Gesicht des Vaters blickt, käme auf die Idee, in seiner
Maßnahme mehr zu sehen als den Wunsch, das wilde Gerangel
und drohende Chaos zu beenden oder abzuwenden, zumal er "Papa
Fittig" in Kap. 1 durchaus als gemütlich-friedlichen,
nach Familienharmonie strebenden Menschen kennenlernen konnte.
Wie anders präsentieren sich da Mienenspiel und Hintergedanken
des Magisters Bokelmann, der (davon erzählt Kap. 7) von
Fittig beauftragt wurde, Paul und Peter zu unterrichten, denn:
"Tugend will
ermuntert sein,
Bosheit kann man schon allein!"
Also sieht man Paul und Peter
brav und geschniegelt auf der Schulbank vor Bokelmanns Katheder
sitzen, wo sie einen länglichen Monolog des Magisters über
sich ergehen lassen, der zunächst von Fleiß und Strebsamkeit,
von Lesen, Schreiben, Kopf- und Tafelrechnen handelt. Doch anschließend
erleben wir, wie Bokelmann in seiner Ansprache von den Tugenden
des eifrigen Lernens überleitet zum Thema "höfliches
Wohlbetragen". Die Berechtigung seiner Ermahnungen sei hier
gar nicht zur Diskussion gestellt, vielmehr möchte ich die
Aufmerksamkeit des Lesers auf die überaus süffisante
Art lenken, mit der Bokelmann, genüßlich lächelnd
und ganz offensichtlich schon in Erwartung der kommenden Szenen,
von Paul und Peter bewußt mehr verlangt, als in dieser
Situation von ihnen zu erwarten ist:
"Habt ihr beschlossen
in eurem Gemüte,
Meiner Lehre zu folgen in aller Güte,
So reichet die Hände und blickt mich an
Und sprechet: "Jawohl, Herr Bokelmann!"
Es ist ihm anzusehen, daß
er mit allem rechnet, nur nicht mit dem sonoren Herunterleiern
eines "Jawohl, Herr Bokelmann!" Und so wundern sich
weder er, der leise pfeifend, den linken Arm hinter dem Rücken
verschränkt, mit rechter Hand auf sein Pult trommelnd, die
Reaktion seiner Schüler erwartet, noch der Leser, daß
Paul und Peter nur verlegen kichern und nicht so recht ihren
Ohren trauen mögen. Mit dem allergrößten Vergnügen
also tut Bokelmann, was zu tun er von vorneherein beabsichtigt
hatte:
"Flugs hervor
aus seinem Kleide,
Wie den Säbel aus der Scheide,
Zieht er seine harte, gute,
Schlanke, schwanke Haselrute,
Faßt mit kund`ger Hand im Nacken
Paul und Peter bei den Jacken
Und verklopft sie so vereint,
Bis es ihm genügend scheint."
Daß diese Methode tatsächlich
ihre Früchte trägt und Paul und Peter nachfolgend als
galante Buben gezeigt werden - dies ist eine Sache (ganz abgesehen
davon, daß man in dieser Verheiratung von kindlicher Abenteuerlust
mit steifer, aufgesetzter Präsentierlust der Erwachsenen
etwas unnatürlich Abstoßendes finden kann). Eine andere
ist, daß Bokelmann ganz augenscheinlich eine Passion für
seine Züchtigungen besitzt. Woran man dies erkennt? - Man
blättere nur einmal zurück zur ersten Szene, in der
Bokelmann, auf sein Pult gestützt, zu seiner Rede anhebt.
Obwohl ihm seine neuen Schüler durchaus brav und züchtig
gegenübersitzen, sieht man das Stöckchen bereits aus
seiner Jacke hervorragen, und mehr noch: In der völligen
Gewißheit seines Gebrauchs dieser Rute sieht man ihn zufrieden
grinsen!
Ähnliches entdecken wir auch in "Bilder zur
Jobsiade", einer Art Bildungsroman auf Wilhelm Busch (in
9 Kapiteln). Als lange ersehnter Sohn des Senators Jobs geboren,
versucht Hieronymus, in der Welt sein Glück und seine Bestimmung
zu finden - freilich, wie man sich denken kann, mit mäßigem
Erfolg. Dafür ist die Schilderung seiner Irrungen und Wirrungen
umso köstlicher! Schon gegen Ende seiner "Laufbahn",
in Kap. 8, versucht sich Hieronymus in der Stelle eines Dorfschulmeisters,
zieht sich aber durch allerlei eigenwillige Neuerungen und Überarbeitungen
der Schulbuchlehre den Unmut einer aufgebrachten Bauernschar
zu. Diese rückt ihm zuleibe und enthebt ihn eigenmächtig
seines Amtes. Anschließend begießen einige der Bauern
im Wirtshaus ihre Tat und prosten sich zu.
"Als aber vorüber
das erste Feuer
Ist manchem doch nicht so recht geheuer.
Ja, wenn der gnädige Herr nicht wär`!
Der gnädige Herr, was sagt aber der?
"Mal fünfundzwanzig! Nach altem Brauch!"
Richtig geraten! - So kommt es auch. -"
Eine Art Vorsteher des bäuerlichen
Anwesens legt, vom "gnädigen Herrn" dazu beauftragt,
drei der Bauern über eine schmale Holzbank und betrachtet
zufrieden lächelnd die drei hochgereckten Hinterteile. Schwer
zu sagen, was ihm in diesem Moment mehr Genugtuung bereitet:
das Saugen an der linkerhand gehaltenen Pfeife oder das Schwingen
des geschmeidig in seiner rechten Hand liegenden Stockes. Man
beachte, daß es nicht der Hieronymus ist, der hier die
Dresche bezieht; die geschilderte Züchtigungsszene ist in
keiner Weise für den Fortgang der Handlung zwingend! Sie
ist sozusagen ein flagellantischer Exkurs, aus reiner Lust an
der Schilderung einer Bestrafung.
Allein schon die Anhäufung solcher Darstellungen
im Werke Wilhelm Buschs legt die Vermutung nahe, daß sich
der Zeichner und Dichter einer gewissen Sympathie und Anteilnahme
nicht erwehren konnte. Wenn all dies aber noch nicht ausreichen
sollte, um den Leser oder die Leserin zu überzeugen, so
komme ich nun zu einer Textpassage, die man zurecht als flagellantisches
Selbstbekenntnis Wilhelm Buschs bezeichnen könnte! Es befindet
sich inmitten eines hochgenialen Essays namens 'Eduards Traum',
und spätestens hier wird es Zeit, noch einmal daran zu erinnern,
wie reichhaltig die Schaffenskraft des Niedersachsen war, wie
wenig einige schnelle Zitate, einige wenige Bildbeschreibungen
seinem Werk gerecht werden können. Und wäre Weihnachten
nicht schon vorbei, ich hätte da so eine Empfehlung...
Doch zurück zum Thema! Ein flagellantisches
Selbstbekenntnis also? Wir sind gespannt! Lesen wir nach in den
Schilderungen des in einem Traum zum Punkt geschrumpften Bewußtseins
des Eduard, der, befreit von den Fesseln der Körperlichkeit,
von Begebenheit zu Begebenheit fliegt, um uns an seinem Erfahrungsschatz
teilhaben zu lassen. Dies entwickelt sich schließlich zu
einer Führung durch ein Kabinett von Merkwürdigkeiten,
und eine davon entspringt mitten aus dem Herzen der Poversohllust.
Wir lesen (a.a.O., Bd. 2, S.415 - hier möchte ich von meiner
Abstinenz im Nachweis der Bilder und Texte eine Ausnahme machen):
"Ich flog ins Nachbarhaus.
Die hübsche stramme Bäuerin hat ihr hübsches,
strammes Bübchen auf dem Schoße liegen, sein Gesichtchen
nach unten gekehrt. Sie lüftet ihm das Hemdchen; sie reibt
ihm den Rücken; er strampelt mit den Beinen vor lauter Behagen.
'Oh, tu tu tu mit tein klein ticken tinketen Popösichen!'
So ruft sie in mütterlich-kindischem Stoppeldeutsch; und
während sie dies tut, gibt sie dem Herzensbengel bei jedem
Worte einen klatschenden Schmatz auf die rosigen Hinterbäckchen.
-
Ach, meine Freunde! Wieviel Liebes und Gutes passiert uns doch
in der Jugend, worauf wir im Alter nicht mehr mit Sicherheit
rechnen dürfen!"
Trifft Wilhelm Busch hier nicht den Kern des Flagellantismus?!
Bengel oder Gören, die ihrer Mutter Geld gestohlen, die
Schule geschwänzt, freche Antworten gegeben, ihrer Tante
unter den Rock geschaut und also Züchtigung verdient haben
- schön und gut, aber was dahinterliegt, sozusagen als Bodensatz
flagellantischer Triebe, ist doch die Poversohllust selbst, ob
mit oder ohne Grund, das Freilegen des splitternackten Pos, der
Anblick der 'rosigen Hinterbäckchen', das Klatschen per
Hand, Pantoffel, Lineal oder Teppichklopfer, das Schwirren einer
Rute; die Rotfärbung oder Verstriemung der durchgewalkten
Popomasse, die Bloßstellung des Gezüchtigten. Welcher
Poversohlliebhaber wollte das leugnen? - Und so sehen wir die
'stramme Bäuerin', wie sie auf das Hinterteil ihres Jungen
haut unter Vorgabe eines Grundes, der keiner ist: 'Oh, tu tu
tu mit tein klein ticken tinketen Popösichen!' Zwar geht
sie dabei sozusagen beinahe zärtlich vor; wie sollte sie
auch ihren Buben streng versohlen ohne jeden Grund? Und dennoch:
Wilhelm Busch läßt keinen Zweifel an der erotischen
Stimulans der Bäuerin, am Genuß des Überlegens
ihres Jungen über ihren strammen Schoß.
Und dann! Welcher Stoßseufzer der verlorenen
kindlichen Erziehung! Ganz unverblümt spricht Wilhelm Busch
aus, wie sehr er das Übergelegtwerden mit entblößtem
Po vermisse. Und wenn auch das geschilderte Poklatschen der Bäuerin
nicht zur Kategorie >strenge Züchtigung< gehört,
so mag man dennoch hinter dem Seufzer des Dichters die Sehnsucht
nach Erziehung vermuten. Sind seine zeichnerischen Darstellungen
eine Art flagellantischer Voyeurismus, so erkennen wir in der
zitierten Passage aus 'Eduards Traum' den der Zöglingsrolle
verschriebenen Poversohlliebhaber. In dieses Bild fügt sich
nahtlos auch die Tatsache, daß es stets Buben sind, deren
Bestrafung Wilhelm Busch beschreibt. Aus der Sicht eines männlichen
sich der Zöglingsrolle verbunden fühlenden Flagellanten
liegt dies durchaus nahe. Ursache für dieses auffällige
Ungleichgewicht in der Darstellung von Buben und Mädchen
ist keineswegs der größere Übermut der Jungs,
welcher zur Züchtigung mehr Anlaß böte. Nehmen
wir z.B. Julchen, deren Aufwachsen im dritten Teil der oben schon
erwähnten 'Knopp-Trilogie' geschildert wird. Was stellt
diese Göre nicht alles an! Sie ruiniert die Taschenuhr ihres
Vaters, ergießt den Inhalt eines Tintenfasses über
den Fußboden, benutzt dann als Wischtuch einen beinahe
fertiggestrickten Wollstrumpf, zerschneidet anschließend
den Frack des Vaters mit dem Messer usw. usw. Von Züchtigung
aber keine Spur. Zumindest wird uns diese vorenthalten, was beweist,
daß sie für Wilhelm Busch weniger interessant ist
als die Bestrafung von Buben.
Kehren wir noch einmal zurück zu dem von mir
so genannten "flagellantischen Selbstbekenntnis" Wilhelm
Buschs in seinem Essay "Eduards Traum". Dort wird die
reine Lust am Poverhaun gezeigt, die erotische Stimulans des
Überlegens, die - so lautet meine These - von einer körperlichen
Erziehungsmaßnahme aus triftigem Grund wesentlich verschieden
ist, da sie eines solchen Grundes gar nicht bedarf. Dies hätte
Busch gar nicht treffender demonstrieren können, als mit
Hilfe des Pseudogrundes der strammen Bäuerin 'Oh, tu tu
tu mit tein klein ticken tinketen Popösichen!'. Dies soll
nicht etwa heißen, daß es keine echten Züchtigungsgründe
gebe, sondern nur vorgeschobene, mitnichten! Ich versuche nur,
den Kern der Poversohllust herauszuschälen aus dem Mantel
berechtigter Strafen, mit dem sich jene Lust naturgemäß
gerne umgibt.
In diesem Zusammenhang möchte ich den Beitrag
Gerhards im RS 12/05 zum Thema "Flagellantismus und Christsein"
noch einmal aufgreifen. Völlig zurecht behauptet er dort,
daß Strafe und Züchtigung als solche keinen Widerspruch
zum Christentum darstellen. In vielen Passagen der Bibel ist
nicht nur von der väterlichen Strenge gegenüber den
Kindern die Rede, sondern ganz besonders auch von der Züchtigung
der Völker Juda und Israel durch Gott. Die Strafe des Vaters
gegenüber seinen Kindern hat also im Christentum gleich
eine zweifache Bedeutung. Bedenklicher schon ist aus christlicher
Sicht jene erotische Stimulans, welche triftige Züchtigungsgründe
zwar willkommen heißen mag, auf diese aber wesensmäßig
nicht angewiesen ist. Dies zeigt das Beispiel der Bäuerin
in "Eduards Traum". Wenn es also so etwas wie einen
"flagellantischen Sündenfall" gibt, dann besteht
dieser nicht in der Akzeptanz von Strafe und Bestrafung als Mittel
der Zurechtweisung, sondern in der Entdeckung der Wollust an
der Bestrafung!
Unternehmen wir noch einen letzten Streifzug durch
das zeichnerische Werk Wilhelm Buschs! Wir begegnen dort auch
dem alten Märchen von Hänsel & Gretel. Wie wohl,
so fragt man sich, wird sich diese Geschichte ausgestalten unter
der Feder des bärtigen Meisters?
"Ihr Kinder,
spricht das Mütterlein,
Geht ja nicht in den Wald hinein.
Ja Prosit! Wenn der Has` nicht wär`!
Gleich müssen sie dahinter her."
Und so nimmt das bekannte Unheil
seinen Lauf (freilich nicht ohne einige kleinere, eigenwillige
Abweichungen vom überlieferten Original). Es ist schon bemerkenswert,
wie Wilhelm Busch das Märchen nun enden läßt.
Nach verschiedenen abenteuerlichen Kapriolen kehren Hänsel
und Gretel glücklich zurück nachhause. So weit, so
gut, doch...
"Jetzt gehen
die zwei zum Wald hinaus,
Die Mutter schaut schon aus dem Haus;
Sie winkt und läßt die Rute sehn:
Na, gute Nacht! Da dank` ich schön!"
Während Hänsel und
Gretel sich beim Anblick der Rute schon `mal vorsorglich die
Hand vor den Po halten, sieht man von der im Türrahmen stehenden
Mutter neben der linkerhand gehaltenen Rute nur ihren rechten
Unterarm, der die beiden Kinder hereinwinkt ins Haus. Ist es
nur Zufall oder die Ironie des Dichters, daß die Geste
ihres knorrig gekrümmten Zeigefingers, die soviel besagen
will wie "Kommt ihr nur mal herein, ihr beiden!", daß
diese Geste so fatal an den lockenden Finger der Hexe erinnert,
mit dem diese in der klassischen Überlieferung das Geschwisterpaar
ins "Knusperhäuschen" lotst? |