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In der Mittelschule, die ich besuchte, gab es zu meiner Zeit sogar noch Ohrfeigen. Dies, obwohl das Schulgesetz schon damals Ohrfeigen als Bestrafung nicht zuließ. Aber es gab und gibt Lehrer, die solche Vorgaben nicht so genau nehmen und in aller Regel durch ihre Vorgesetzten gedeckt werden. Die Prügelstrafe hingegen war damals erlaubt. Sechs Hiebe auf den Hintern oder drei Tatzen auf jede Hand bei den Mädchen waren die allgemein gültige Norm. Frau Silbernagel war immer nett und freundlich. Ermahnte einen allerdings sehr oft, auch wenn man dazu keine Veranlassung gab. Als wir die damals neu bekamen, war so etwas für uns natürlich neu. Anderer Lehrerinnen und Lehrer griffen immer schnell zum Tatzenstöckchen für die Mädchen oder zum Rohrstock für uns Buben. Nur zu schnell merkten wir allerdings, dass man gut daran tat, ihre Ermahnungen zu beachten. Diese notierte sie natürlich und als Klothilde die dritte Ermahnung erhielt, musste sie eine Seite aus dem Deutschbuch abschreiben. Da waren es schnell weitere, die das traf. Je nachdem wo die Frau Silbernagel Schwächen vermutete, in Deutsch oder Geschichte, was sie unterrichtete, ließ sie bei den ersten drei Tadeln eine Seite und bei den nächsten drei Tadeln zwei Seiten abschreiben. Da sie das für jedes Halbjahr durchhielt, hatten manche gegen dessen Ende bis zu sechs Seiten abzuschreiben. War es nicht ordentlich, musste man es einfach noch einmal machen und nutze das nicht, oder hatte man die Strafarbeit nicht, bat sie den Kollegen, Herrn Dr. Kleinert dafür zu sorgen, dass der entsprechende Schüler oder die Schülerin die Strafarbeit macht und wie das dann aussah, schildere ich später. Der Englischlehrer war bei uns eine weitere Ausnahme. Bei ihm gab es auch keine richtigen Schläge, aber man konnte sich Ohrfeigen verabreichen lassen und damit von einer Strafarbeit freikaufen. Ansonsten machte er es so wie Frau Silbernagel, nur nannte er seine Ermahnungen Tadel. Diesen trug unser Englischlehrer auch gewissenhaft in sein Notizbuch ein. Hatte man zu viele Tadel oder fand er, dass etwas eine besondere Strafe verdiente, stellte er einen vor die Wahl, am späten Nachmittag in die Schule zu kommen und sich vom Pedell für eine Stunde einschließen zu lassen oder ihn um zwei Ohrfeigen zu bitten. Bei strengeren Strafen waren es zwei Stunden Arrest oder vier Ohrfeigen. Die meisten von uns zogen Arrest vor. Der Pedell schloss dazu im Keller einen Raum auf, in dem lediglich eine Schulbank stand, eine große Uhr angebracht war und in einem Kübel Rohrstöcke unterschiedlicher Länge standen. Da der Kübel unten mit Essigwasser gefüllt war, hatten sich diese vollgesogen und dienten wie wir alle wussten, Dr. Meier, unserem Schulleiter dazu, unfolgsame Schülerinnen oder Schüler damit zu züchtigen. edenfalls wurde man da eingeschlossen, wenn Arrest angeordnet war und nach der angegebenen Zeit wieder herausgelassen. Wer sich allerdings für die Ohrfeigen entschied, musste schon sehr mutig sein. Der hatte sich die Hände auf dem Rücken vor unseren Englischlehrer zu stellen und den Kopf in den Nacken zu drükken. Dann kamen die Ohrfeigen, und der Kopf sauste hin und her. Die Wangen waren danach ziemlich rot und wer das gewählt hatte, hielt sie sich. Noch einige Tage sah man, dass der blaue Backen davongetragen hatte. Mir war Arrest lieber, auch wenn Muter schimpfte, weil ich schon wieder etwas angestellt hatte. Bei den anderen Lehrerinnen und Lehrern gab es Prügel mit dem Rohrstock. Die meisten kannten das von Daheim und war nichts Besonderes, obwohl Lehrerinnen und Lehrer ordentlich durchzogen und einem ein Höllenfeuer im Hintern entfachten. Im Allgemeinen mussten wir nach vorne kommen und mit leicht gespreizten Beinen über eine Schulbank bücken. Die dort sitzenden Schüler hielten die Handgelenke fest und dann kam der Rohrstock zum Einsatz. Da es vier Reihen Bänke waren, konnte es auch sein, dass man über die Mädchenbank beordert wurde. Die musterten immer neugierig das Gesicht des Betreffenden und so gab man sich, meist vergeblich, große Mühe Standhaftigkeit zu beweisen. Schülerinnen bekamen die Schläge nicht auf den Hintern verabreicht, das war nicht üblich. Sie mussten eine Hand hinhalten und bekamen die Strafe mit seinem kürzeren und dünneren Tatzenstock zu spüren. Schluchzend rieben sich die Mädchen noch lange ihre geschundene Hand. Die Finger waren meist noch am nächsten Tag geschwollen. Da waren mir Hiebe auf den Hintern doch lieber, auch wenn ich noch am Tag schmerzlich an die erhaltene Dresche erinnert wurde. In unserer Klasse waren wir damals neunzehn Mädchen und dreiundzwanzig Knaben. Entsprechend waren auf der Knabenseite an den Fenstern zwei Reihen Schulbänke jeweils sechs hintereinander. Bei den Mädchen auf der Seite zur Wand nur fünf. Herr Kleinert war von allen am Schnellsten damit, den Rohrstock anzuwenden. Auch wenn es nur wenige Schläge waren, die es im Allgemeinen setzte, so gemein und durchziehend wie der schlug sonst keiner zu. Die Schwielen, die dabei entstanden, spürte man noch tagelang. Wenn er auch nur die geringste Veranlassung fand, setzte er seinen elastischen Rohrstock zu unserer Bestrafung ein. Dazu hatte er sich von unseren Eltern schriftlich geben lassen, dass er berechtigt ist, sich Schülerinnen und Schüler zur Bestrafung in seine Wohnung zu bestellen, wenn diese strenger ausfallen müsse. Von Tatzen hielt Dr. Kleinert gar nichts. Er vertret die Ansicht, dass Gott den Hintern deshalb so gut gepolstert habe, damit man darauf den Rohrstock tanzen lassen könne, solle dieses nötig werden. So erhielt auch keines der Mädchen jemals von ihm Tatzen. Wer Strafe zu erhalten hatte, musste warten bis nach dem Unterricht, oder wurde zu ihm nach Hause bestellt. Es verging keine Woche in der sich nicht ein Schüler ofer eine Schülerin nach dem Unterricht Hiebe bei Dr. Kleinert abholen musste. Betrat er den Klassenraum, sausten wir auf und begrüßten
ihn. Wir mussten stehen bleiben, bis er uns gestattete und wieder
zu setzen. Niemand wagte es, ein Wort zu sagen. Dann gestattete
er uns, uns zu setzen und die Bücher und Hefte für
die Stunde bereitzulegen. Danach ging Herr Kleinert schweigend
durch die Reihen und kontrollierte die Hausarbeiten. Sagte er
eine Zahl dazu, zwischen zwei und sechs, hatte man sich die genannte
Zahl an als Hiebe bei ihm abzuholen. Diese gab es allerdings
erst, wenn die Schule aus war, als Ermunterung für den Heimweg,
wie Dr. Kleinert das spöttisch nannte. Wenn sie diese Geschichte zu Ende lesen wollen, werden sie Mitglied im Verein Forum 1988 e.V. dem Flagellantenverein. |